GESCHICHTE
Das Bedrohungsmanagement (BM) ist ein ursprünglich aus den USA stammendes Konzept zur Vermeidung von schweren zielgerichteten Gewalttaten. Dort etablierte es sich in den 1980er- und 1990er-Jahren als sogenanntes Threat Assessment oder auch Threat Management in Folge von schweren Angriffen auf Personen des öffentlichen Lebens. Ein Beispiel ist das Attentat auf Ronald Reagan im Jahr 1981. Anschließende Untersuchungen zeigten, dass es in den meisten Fällen bereits im Vorfeld der Tat deutliche Hinweise auf die Übergriffe gab. Dadurch wurde die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit von Frühwarnsystemen für Gewalt erkannt. So entwickelten Psycholog:innen, Kriminalist:innen und Psychiater:innen neue Methoden und Instrumente zur Einschätzung bedrohlichen Verhaltens. In den darauffolgenden Jahren wurden diese Ansätze weiterentwickelt und auf weitere Deliktfelder übertragen, z. B. Stalking, Schulamokläufe und Häusliche Gewalt. Inzwischen zählt auch die Prävention von Gewalt am Arbeitsplatz, die in ganz unterschiedlichen Formen auftreten kann, zu den Aufgabenfeldern des Bedrohungsmanagements. An dieser Stelle setzt auch das Bedrohungsmanagement Mittelfranken an, das Mitarbeitende aus unterschiedlichen Organisationen dazu befähigt, bedrohliche Verhaltensweisen frühzeitig zu erkennen und geeignete präventive Maßnahmen zu ergreifen.
GRÜNDUNG
Schon vor der Implementierung des Bedrohungsmanagement-Netzwerks in Mittelfranken konnten in Nürnberg gute Erfahrungen in der interdisziplinären Fallarbeit bei Problemlagen gesammelt werden, die routinemäßig nicht oder nur unter sehr großen Anstrengungen zu bewältigen waren oder die alle vorhandenen Systeme der Zuständigkeit sprengten. Ausgangspunkt war dabei eine Initiative des damaligen Psychatriekoordinators am Gesundheitsamt der Stadt Nürnberg, Dipl.-Psych. Heiner Dehner. Dieser berief für eben genannte Fälle pragmatisch und unkonventionell Runde Tische mit jeweils wechselnden Beteiligten zu Fallbesprechungen ein. Die Zusammenarbeit wurde schon damals von allen Seiten als hilfreich, qualitätssteigernd und zielführend für die jeweils betroffenen Klient:innen bewertet.
Im Jahr 2016 sollte die bis zu diesem Zeitpunkt gut gewachsene Zusammenarbeit schließlich in ein personenunabhängiges Konzept überführt und verstetigt werden. Über Kontakte des Fördervereins Ambulante Krisenhilfe e. V. kam es zu ersten Gesprächen mit Dr. Jens Hoffmann, Leiter des Instituts Psychologie und Bedrohungsmanagement, Darmstadt (I:P:Bm). Aus den ersten Ideen und mit Hilfe einer großzügigen Spende resultierten in kürzester Zeit Fortbildungen für interessierte Mitarbeitende aus städtischen Behörden, Institutionen freier Träger sowie Vertreter:innen der Polizei und der Staatsanwaltschaft. Nach Prüfung verschiedener Bausteine, möglicher Strukturen und vor allem unter Einbezug der langjährigen Erfahrung mit Kooperationspartner:innen kristallisierte sich letztlich eine Organisationsstruktur mit sogenannten Erstbewerter:innen in den teilnehmenden Institutionen und einem übergeordneten Kernteam heraus. Damit war der Weg für das deutschlandweit erste Früherkennungsprogramm zur Vermeidung schwerer zielgerichteter Gewalttaten für eine gesamte Stadt geebnet.
Unter dem Titel Bedrohungsmanagement entstand ein Netzwerk, das sich bis heute stetig weiterentwickelt. Die Voraussetzungen für eine Teilnahme am Bedrohungsmanagement wurden bewusst niedrigschwellig angesetzt und fußen in erster Linie auf einem ernsthaften Interesse an einer dauerhaften Zusammenarbeit. Diese wird seit einigen Jahren mittels einer schriftlichen Kooperationsvereinbarung festgehalten. Inzwischen arbeiten rund 20 Institutionen aus Nürnberg und Umgebung im Rahmen des Bedrohungsmanagements erfolgreich zusammen.
Anlässlich der ersten großen Fachtagung des Netzwerks im Jahr 2020 und Bestrebungen, das Bedrohungsmanagement auch in weiteren Teilen Mittelfrankens bekannt zu machen, wurde das Netzwerk schließlich in Bedrohungsmanagement Mittelfranken umbenannt. Das neue Logo und eine eigene Website sind nur zwei der Maßnahmen, die zur weiteren Stärkung der bereits bewährten Zusammenarbeit getroffen wurden.
AUFBAU UND STRUKTUR
Das Netzwerk setzt sich aus allen teilnehmenden städtischen sowie staatlichen Behörden und Institutionen, freien Trägern und privaten Unternehmen zusammen, die eine Kooperationsvereinbarung mit dem Bedrohungsmanagement Mittelfranken geschlossen haben. In dieser schriftlichen Vereinbarung sind die Grundlagen festgehalten, die die Zusammenarbeit und den Informationsaustausch ermöglichen. Unter anderem sieht die Kooperation zwischen Institutionen und dem BM vor, interessierten Mitarbeitenden die Teilnahme an der Grundlagenschulung „Erstbewertung im Bedrohungsmanagement“ sowie anschließenden, regelmäßig stattfindenden Weiterbildungsangeboten des BM zu ermöglichen. Letztere finden in der Regel zweimal jährlich statt.
Die ausgebildeten Erstbewerter:innen begleiten in ihrer Institution die Implementierung eines internen Bedrohungsmanagements, stehen den Mitarbeitenden als Ansprechpersonen zur Verfügung und übernehmen, falls notwendig, die Ersteinschätzung von internen Bedrohungsfällen. Alle Erstbewerter:innen des Netzwerks bilden das Gesamtteam.
Darüber hinaus engagieren sich einige besonders geschulte und erfahrene Fachkräfte freiwillig in einem übergeordneten Expert:innengremium, dem sogenannten Kernteam, das gleichzeitig die Lenkungsgruppe des Netzwerks bildet. Dieses ist multiprofessionell und interdisziplinär zusammengesetzt und besteht derzeit aus rund 20 Personen aus unterschiedlichen Institutionen. Die Mitglieder des Kernteams treffen sich alle zwei bis drei Monate, um aktuelle Themen zu besprechen, strategische Impulse zu setzen und die Qualität der Netzwerkarbeit zu sichern. Als zentraler Bestandteil der Weiterentwicklung des Netzwerks trägt das Kernteam zur Professionalisierung und Wirksamkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit bei.
Weiter gibt es städtische BM-Teams, die ebenfalls zu einem regelmäßigen Austausch zusammenkommen. Einzelne Mitglieder dieser Teams bilden im Bedarfsfall ein Fallteam, wenn ein an das Netzwerk herangetragener Bedrohungsfall einer weiteren Einschätzung und Bearbeitung durch Expert:innen bedarf. Die Auswahl der an einer Fallkonferenz beteiligten Mitglieder richtet sich dabei immer nach der jeweiligen individuellen Situation.
Die Planung der Veranstaltungen und Treffen sowie weitere organisatorische Aufgaben werden in Absprache mit dem Kernteam von der Leitung Netzwerksteuerung und -kommunikation übernommen.
KOMMUNIKATIONSWEGE
Bedrohungssituationen werden zunächst an die interne Ansprechperson bzw. die internen Ansprechpersonen der eigenen Institution gemeldet, die sogenannten Erstbewerter:innen. Diese übernehmen die Ersteinschätzung der Situation, stehen den Hilfesuchenden unterstützend und beratend zur Seite und dokumentieren den geschilderten Fall in dem dafür vorgesehenen Dokumentationsbogen. Der oder die Erstbewerter:in entscheidet, je nach Informationslage und schwere der möglichen Bedrohungssituation, ob der Fall intern gelöst werden kann oder einer zusätzlichen Einschätzung bedarf.
Wenn eine weitere Einschätzung der Situation notwendig ist, kann das Bedrohungsmanagement Mittelfranken über eine Kontakt- und Meldestelle kontaktiert werden. Hier erhalten Erstbewerter:innen eine fachliche Beratung und ggf. weitere Unterstützung im Rahmen eines Fallmanagements.
Bei akuter Gefahr ist immer die Polizei zu kontaktieren.
ERSTBEWERTER:INNEN
Das Netzwerk organisiert regelmäßig die Grundlagenschulung „Erstbewertung im Bedrohungsmanagement“, an der alle interessierten Mitarbeitenden unserer Kooperationspartner:innen nach Absprache mit ihren Vorgesetzten teilnehmen können. Die Teilnehmenden erfahren mehr über die Zusammenarbeit im Netzwerk und erlernen verschiedene Theorien und Tools zur Risikoeinschätzung im Sinne einer Erstbewertung. Anhand von ausgewählten Fallbeispielen können sie diese direkt erproben.
Nach Abschluss der Schulung erhalten die Teilnehmenden einen Zugang zum Mitgliederbereich des Gesamtteams. Über diesen können sie sich fortlaufend über neue Entwicklungen, Themen und geplante Veranstaltungen informieren und erhalten exklusiven Zugang zu Leitfäden, Vortragsfolien vergangener Veranstaltungen sowie einem Downloadbereich für Erstbewerter:innen. Zudem profitieren sie von Vergünstigungen im Rahmen von öffentlichen Veranstaltungen des Netzwerks und können an den regelmäßig angebotenen Weiterbildungen für Erstbewerter:innen kostenfrei teilnehmen, wie z. B. Fachvorträge oder Workshops.
In ihren Institutionen begleiten sie die Implementierung eines internen Bedrohungsmanagements und stehen ihren Kolleg:innen als Ansprechpersonen beratend und unterstützend zur Seite. Darüber hinaus übernehmen sie die Ersteinschätzung von möglichen Bedrohungsfällen und entscheiden über das weitere Vorgehen in solchen Situationen (siehe Kommunikationswege).
KERNTEAM UND LENKUNGSGRUPPE
Das Kernteam, das gleichzeitig die Lenkungsgruppe des Netzwerks bildet, besteht aus besonders geschulten und erfahrenen Fachkräften im Bedrohungsmanagement. Aufgrund der verschiedenen Professionen und Fachkenntnisse der Mitglieder ist das Kernteam multiprofessionell und interdisziplinär zusammengesetzt – ein zentrales Qualitätskriterium des Bedrohungsmanagements. Alle zwei bis drei Monate trifft sich das Kernteam, um aktuelle Entwicklungen zu besprechen, strategische Impulse zu setzen und die Qualität der Netzwerkarbeit zu sichern. Zusätzlich bilden sich die Mitglieder des Kernteams fortlaufend im Bedrohungsmanagement weiter und sind somit immer auf einem fachlich aktuellen Stand.
KOOPERATIONSPARTNER:INNEN



















